Die Fratze der Verzweiflung


Die kenne ich sehr gut. Gezeigt habe ich sie meist dann, wenn es mir aufgrund konditionierter Strukturen nicht mehr möglich war, adäquat in einem Konflikt zu reagieren. Dann kamen aus den Tiefen der Biografie destruktive Handlungsanweisungen, die darauf abzielten, das Problem, die Schuld oder die Verantwortung auf jeden Fall bei allen anderen außer bei mir selbst zu suchen und natürlich auch zu finden. Es ist oft eine der leichtesten Übungen, unliebsame und ungewollte Anteile aus dem Selbstbild zu verbannen, indem wir sie auf andere projizieren. Wie einfach!

Das geht oft so automatisiert, dass diese Form Verdrängung die meiste Zeit unbemerkt bleibt und erst z. B. mittels einer Reflexion wieder dort wahrgenommen wird, wo sie ihren Ursprung hat – bei sich selbst. Das Problem im Gegenüber scheint bis zur Selbsterkenntnis so wirklich, dass es in seiner Echtheit keinen Zweifel zulässt. In einer übersteigerten Version davon erzeugen die verdrängten Anteile ein richtiges Feindbild, welches mit allen Mitteln bekämpft werden muss. Ein Kampf der Projektionen. Ein Kampf, in dem es auch Verwundete oder Verletzte geben kann. Je nachdem, wie und wo der Kampf geführt wird. Jedoch ein aussichtsloser Kampf gegen sich selbst, der in und über einen anderen ausgetragen wird.

 

Genau zu so einem Feindbild bin ich seit vielen Jahren mal wieder gemacht worden. Bekämpft mit haltlosen Anschuldigungen, Unterstellungen, Urteilen, Bewertungen, Beleidigungen und Diffamierungen, mit manipulativen Konstruktionen und intrigantem Verhalten. Konfrontiert mit so viel Projektion, war es für mich eine besondere Herausforderung, damit umzugehen und mich natürlich auch zu fragen, welche Anteile ich in die Situation mit einbringe. Neben den ganzen Gefühlen, welche dieser Kampf so mit sich brachte, bot sich gleichzeitig die enorme Chance auf eigenes Wachstum. Über zahlreiche reflexive Gespräche konnte ich den Schatz, der für mich in dieser sehr unangenehmen und intensiven Erfahrung liegt, heben. Ich bin mir bewusst darüber, welche meiner Handlungen, Haltungen und Fähigkeiten zu einer ganz besonderen Bedrohung für meinen "Angreifer" geführt haben können und diesen Reaktionszwang erklären würden. Natürlich kann ich nicht genau sagen, welche ganz ursächliche Motivation hinter all der Verzweiflung steht. Da könnte ich jetzt ganz viel mutmaßen, deuten und herleiten. Und klar gibt es auch Ideen dazu. Vielleicht ist da was dran. Vielleicht auch nicht. Für meine Erfahrung spielt das keine wirkliche Rolle.

 

Am Ende dieser Zeilen merke ich, dass der Frieden zurückkehrt. Und dass ich viel erkannt, beobachtet und gelernt habe. Über mich, über mögliche Reaktionen. Über Täuschung und Enttäuschung. Über Wertschätzung und Solidarität. Über Ohnmacht und Kraft. Über Aufrichtigkeit und Authentizität. Über Mut und über eine Fratze der Verzweiflung.

 

Andreas