„Jeder Mensch ist etwas wert.“ Es sei denn…


… dieser Satz wird wie folgt fortgeführt: „Entscheide du wie viel.“ Das ist Teil der aktuellen Werbekampagne für das diesjährige Fernsehformat „Big Brother“.  Die Schöpfer dieser Kampagne machen mich sprachlos. Gemessen an so einer geballten Ladung Unmenschlichkeit. Mit der Objektivierung des Menschen zu einem Stückgut, welches in Sternen messbar abgebildet wird, erreicht die Entfremdung des Selbst eine neue Nicht-Qualität.

Schlimm genug ist aus meiner Sicht die Tatsache, dass ein solches „Unterhaltungsformat“ überhaupt so viele Jahre ausgestrahlt wird. Ist es doch per se ein bundesweit vermenschlichtes Terrarium, in dem vorzugsweise emotionale Grenzen als Unterhaltungskick öffentlich gesprengt werden. Und das ist natürlich bequemer als die eigenen emotionalen Grenzen auszuloten und fühlen zu müssen. Ein Ersatz-Mitgefühl aus sicherer digitaler Entfernung vereinfacht die Verbannung der Selbstbeobachtung und verhindert erfolgreich die Auseinandersetzung mit den eigenen Tälern auf dem Weg zu einem erfüllten Leben. Ich finde, die Sender sollten mehr Verantwortung bekommen. Eine Art Verpflichtung im Dienste der Menschlichkeit wäre durchaus hilfreich. Würde, Nähe und echtes Mitgefühl als Grundtenor von Fernsehsendungen hätten durchaus Quotenpotential. Es ist nicht der kurzfristige Erfolg, das ist eher die Ausbeutung und Bloßstellung menschlicher Wesenszüge, aber der langfristige. Die ungesunde TV-Nahrung für ein zwischenmenschlich und persönlich ausgehungertes Publikum würde so manchem Sender die Jagd nach inhaltsloser Perfidität ersparen. 

Nun ja. So gibt es auch in der TV-Landschaft eine hochdosierte Konzentration von Ersatzgefühlen und -befriedigungen zum Konsumieren auf einfachstem und bequemsten Weg. Der Suchende muss nicht einmal mehr in Aktion treten. Nicht mal mehr das Haus verlassen. Die Fernbedienung erleichtert die Völlerei vom  „human all you can eat“-Buffet allabendlich. Und es ist nicht selten, dass diese Form von Fresskoma in den Schlaf führt, wo der Konsum mitunter sogar noch seine Fortsetzung findet. Ein unbewusst und ungefiltert konsumiertes TV-Dessert sozusagen. Dass das nicht gesund sein kann, brauche ich sicher nicht erklären. Und ich weiß wovon ich schreibe.

Noch vor 10 Jahren war ich genauso unterwegs. Ich habe mich allerdings 2012 dafür entschieden, das nicht mehr zu unterstützen. Und so ist diese Art des Konsums auf ein Miniminimum geschrumpft. Welch ein Glück für mich. 

In diesem Sinne wünsche ich achtsamen Appetit und sage Danke fürs Lesen. 

Andreas 

Photo: Andreas Eck